Für die zweite Ausgabe von „THERE IS NO PAST IN BERLIN“ empfängt die Autorin, Kuratorin und Künstlerin Ioana Cristina Casapu, Initiatorin und Gastgeberin der Reihe, den australischen Schriftsteller, Kritiker und Übersetzer Alexander Wells zu einem literarischen Interview und einem öffentlichen Gespräch über Geschichte, Erinnerung, Migration und die Geschichten, durch die Gesellschaften sich selbst verstehen.
Im Mittelpunkt des Abends steht die Literatur: als Archiv, Gegen-Erinnerung, Zeugnis, Vorstellungskraft und als Raum, in dem unterschiedliche historische Erfahrungen aufeinandertreffen können.
Wells’ kritische Arbeiten untersuchen immer wieder, wie Literatur politische Geschichte in die Gegenwart trägt. Seine Texte über die Stasi, die deutsche Wiedervereinigung, Wolfgang Hilbig und Jenny Erpenbeck loten das kulturelle Nachleben der DDR aus und beleuchten, wie Ost und West das deutsche und europäische Gedächtnis weiterhin prägen. An anderer Stelle hat er über Dresden, Joseph Roths Berlin, den sozialen Wohnungsbau in der Weimarer Republik und die politische Konstruktion der nationalen Geschichte geschrieben. In all diesen Essays werden literarische Texte zu einem Mittel, ideologischen Wandel, Klassenverhältnisse, den städtischen Raum und die Geschichten zu deuten, die über politische Wendepunkte hinaus fortbestehen.
Casapus Werk nähert sich diesen Fragen über die Themen Migration, Autobiografie und gelebte Erfahrung. Ihr „Berliner Tagebuch – Die Geschichte meiner inneren Mauer“ (2025) versammelt 24 Essays, die im Laufe eines Jahrzehnts in Berlin entstanden sind. Das Buch bewegt sich zwischen Rumänien und Deutschland, Ost- und Westeuropa, Fremdheit und Zugehörigkeit und verwandelt das Bild der Berliner Mauer in eine literarische Erkundung der Grenzen, die in individuellen Biografien getragen werden. Ihr früherer Roman „Deviațiide Stereo“, der auf Englisch unter dem Titel „Heart Beats: A Memoir of the Millennial Generation on Social Media“ erschien, untersucht eine Generation, die von Mobilität, digitaler Kultur, Intimität und gesellschaftlichem Wandel geprägt ist.
Ihr Gespräch geht von einer gemeinsamen literarischen Situation aus: dem Schreiben in einer Stadt, die von Brüchen, transnationalen Bewegungen und einer kontinuierlichen sozialen, politischen und kulturellen Neuordnung geprägt ist.
Was kann Literatur bewahren, was die öffentliche Geschichtsschreibung außer Acht lässt? Wer findet Eingang in den literarischen Kanon, und wessen Erfahrungen bleiben am Rande? Wie verwandeln Schriftsteller*innen Migration, Exil, Binnenmigration, Verlust und Ankunft in literarische Form? Wie prägen Ost und West weiterhin die Geschichten, die Europa über sich selbst erzählt? Und was geschieht, wenn individuelle Erinnerung mit etablierten historischen Erzählungen in Konflikt gerät?
„THERE IS NO PAST IN BERLIN“ untersucht diese Fragen anhand von Literatur und Lyrik.
Der Titel verweist auf die ungleiche Sichtbarkeit der vielfältigen Vergangenheiten der Stadt: Wessen Geschichten werden in Erinnerung behalten, erzählt und kanonisiert, und wessen bleiben am Rande? Berlins Geschichte ist geprägt von den Brüchen der Jahre 1933, 1945, 1961 und 1989 sowie von der Wiedervereinigung, der Gentrifizierung, neuen Migrationsbewegungen und aufeinanderfolgenden kulturellen und gesellschaftlichen Wandlungen. Diese Veränderungen prägen die Vorstellungen von Heimat, Zuflucht und Zugehörigkeit immer wieder neu.
Hier schafft die Literatur Verbindungen zwischen individueller und kollektiver Erfahrung. Sie bringt diejenigen zusammen, die in Berlin geboren wurden, diejenigen, die aus anderen Teilen Deutschlands oder über die Landesgrenzen hinweg hierherkamen, diejenigen, die weggegangen und zurückgekehrt sind, sowie diejenigen, die noch dabei sind, sich in der Stadt ein Zuhause zu schaffen. Verschiedene Sprachen, Generationen und ästhetische Traditionen begegnen einander, ohne ihre Unterschiede aufzugeben.
| Mo | Di | Mi | Do | Fr | Sa | So |
|---|---|---|---|---|---|---|
1
| ||||||
2
|
3
|
4
|
5
|
6
|
7
|
8
|
9
|
10
|
11
|
12
|
13
|
14
|
15
|
16
|
17
|
18
|
19
|
20
|
21
|
22
|
23
|
24
|
25
|
26
|
27
|
28
|
29
|
30
|