Moritz Lindur
Nichts weniger als einen ebensolch radikalen Neuanfang fordert Moritz Lindur, einen dabei aber grundlegend konträren Ansatz verfolgend.
Weit entfernt von einer Entpolitisierung entspringen die Arbeiten des Autodidakten einer Haltung, die das Private als unausweichlich politisch versteht und beim Betrachten eine Politisierung oder zumindest ein Sich-Verhalten zum Verhandelten fast unvermeidbar macht. Dabei arbeitet er – frei von jeglichen institutionellen Beschränkungen – gattungsübergreifend und bedient sich einer Formensprache, die sich in ihrer Ästhetik und ihren Mitteln immer wieder des geschriebenen und gesprochenen Wortes bedient.
Formal und inhaltlich lassen Lindurs Arbeiten keinen Zweifel, dass sich der Künstler den immer vorherrschender werdenden multiplen Krisen einer Zeit bewusst ist, in der immer größer werdende Teile der Weltbevölkerung in prekären Umständen leben, während eine zahlenmäßig kleine Elite immer mehr Reichtum anhäuft. Verfestigt wird dieser Eindruck von einem Manifest, verfasst von Lindur selbst und zum Mitnehmen für alle Besucher:innen der Ausstellung vervielfältigt, mit dem Lindur erstmals nicht nur auf Missstände hinweist, sie sichtbar macht, sondern aktiv nach Lösungen sucht und diese zur kollektiven Reflexion und Umsetzung zur Verhandlung stellt.
Lindurs Arbeiten sprechen von und für eine Arbeiterklasse, die sich schon längst nicht mehr mit dem marx’schen Begriff fassen lässt und die sich mit diesem Begriff auch nicht mehr identifizieren möchte, so schambehaftet scheint alles mit dieser Arbeiterklasse Verbundene in polierter Hochglanz-Social-Meida-Virtual-Reality. Der ehemalige Working Class Hero findet sich in einer Gesellschaft wieder, in der Arbeit nicht nur nicht mehr wertgeschätzt wird, sondern auch ihren wertschöpfenden Charakter verloren hat. Aus dem Hero ist Zero geworden, eine Union of the Overperforming and Underachieving. Umso drängender scheint die Notwendigkeit der erneuten Bewusstwerdung einer prekären Klassenzugehörigkeit* im globalen digitalen Spätkapitalismus, in dem Gig Economy und neoliberale Vereinzelung eine Burnoutgesellschaft erzeugt haben, die so sehr damit beschäftigt ist, in dieser fragmentierten Arbeits- und Klassenordung nicht unter die Räder zu geraten, dass kein Raum bleibt für eine systemkritische Reflexion der eigenen Situation, sondern vielleicht gerade noch so für ein bisschen Selfcare, als achtsame Praxis getarnte Selbstoptimierung zum Zweck gesteigerter Produktivität, im Beruflichen wie im Privaten. Überdeutlich wird dieses Missverhältnis in I am not replaceable (2026), das dieser Gesellschaft im wahrsten Wortsinn den Spiegel vorhält.
Mit der Serie Carte Blanche (2026) verwandelt Lindur Gespräche mit Burnoutpatient*innen in großformatige Malereien, die auf den entsprechenden Transkripten basieren. Zu erkennen sind nur einzelne Wörter, andere Stellen scheinen großzügig unkenntlich gemacht, sie erinnern an geschwärzte offizielle Dokumente und verweisen damit auch auf das Schambehaftete psychischer Erkrankungen in einer Gesellschaft, in der diese geknüpft sind an individuelles Versagen statt an eine Frage nach ihrer systemischen Bedingtheit. Stehen geblieben sind Nullpunkte auf weißem Grund, auf einer blank page, mit Potential, Ausgangspunkt zu sein, für einen Neuanfang, eine Heilung vielleicht? Auffällig ist die Gemeinsamkeit der Bezugnahme auf Gemeinschaft hinsichtlich dieser Nullpunkte potenzieller Neuanfänge. Immer wieder scheint ein Rückbesinnen auf das soziale Umfeld, auf ein Bitten um Hilfe, auf ein Verlassen der Isolation entscheidend zu sein.
Heilung bedarf oftmals einer radikalen Entscheidung für dieses Ausbrechen und vielleicht ebensolch radikaler Handlungen, als Nullpunkt im Sinne eines Ausgangspunktes für die Wiederentdeckung der eigenen Handlungsfähigkeit und der Selbstwirksamkeit. Und so fordert Lindur mit seiner Arbeit Zero is Everything (2026) jeden Einzelnen zu einem solchen Akt der Befreiung aus der Isolation auf. Scheint das Einreißen einer Mauer mit eigens dafür angefertigten und gravierten Hämmern im Kontext einer Ausstellung sicher eher performativ, wohnt diesem Akt eben jenes Potential inne, als das ZERO verstanden werden möchte. Als Potential zur kollektiven Rebellion gegen ein System der Vereinzelung.
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